Eine Einstimmung  

Schon seit fast 20 Jahren und immer wieder ist Christine Kahlau mit ihren Stücken von Berlin bis Thüringen unterwegs. Sie liest für gewöhnlich in intimer Atmosphäre – in Galerien, Kirchen, abends in Cafes, in Stadteilläden und seit 2002 in ihrem Kiez: im Atelier „LoveArt“ im Prenzlauer Berg. Was die Ostberlinerin in zwei Jahrzehnten schrieb und noch schreibt, klingt mit Musik von Jazz bis Klassik – seit neuestem auch durchs Radio – inzwischen bei etlichen Hörern nach. Ungereimte Worte in wohl ausgewogenem Rhythmus, gewissermaßen „Ver-Dichtung“ eines innersten Gespürs für nur allzu Menschliches, die 2001 erstmals im gleichnamigen Gedichtband erschienen, finden sich nun auch in vorliegender Sammlung.

Die Verse, etwa über das Warten in einer Behörde, das Warten auf einen Einfall, die Anonymität im Dschungel der Großstadt, über Menschen und das Wasser und Geduld, kommen ohne den besagten fulminanten Paukenschlag aus und genau genommen nachdenklich daher. Sie halten wesentliche, doch auch eigentümliche, mit unter ganz alltägliche, nur scheinbar flüchtige Impressionen, Stimmungen und Momente des Lebens fest: gerade dann, wenn sie eine erstaunliche Wendung nehmen.

Mit anderen Worten: die studierte Soziologin – Jahrgang 1955 – die mit 9 Jahren ihr erstes Gedicht schrieb, beachtet die oft ungeahnte Tiefe des Augenblicks. Aber nicht nur. Sie horcht. Sie horcht in sich hinein, wenn sie gleichermaßen Menschen, die Verwandlung von Häusern, das Treiben auf Straßen und Plätzen, das Auf und Ab der Gefühle, die überwältigende Fülle des Lebens einschließlich ihres eigenen im Lauf der Zeit aufmerksam beobachtet. Völlig privat anmutende Begebenheiten bleiben dabei nicht im ganz Persönlichen stecken sondern werden gewissermaßen hochgerechnet auf die Gesellschaft und das eigentlich Menschliche. Die Autorin schafft so eine Art Gefälle zwischen den kleinen und großen Dingen, zwischen den hellen und dunklen Seiten des Lebens, das zuweilen schmerzt und liefert dazu, manchmal sogar mit Humor, überraschende wie beruhigende Denkanstöße.

Dass in den Texten von Christine Kahlau immer eine kleine Widerstandsleistung gegen das „Entweder – Oder“ und ein Plädoyer für das „Sowohl als auch“ verborgen ist, mag Stilmittel, literarische, intellektuelle und Lebenshaltung zugleich sein. Jedenfalls sieht sich die Autorin im Titel der aktuellen Edition „Ich zweifel, also bin ich“, der in seiner Formulierung und für sich genommen an Descartes „cogito, ergo sum“ erinnern könnte, wohl auch selbst. Das heißt Christine Kahlau, die in verschiedenen Berufen zu Hause ist, zeigt sich und ihre Arbeiten in einer höchst unsicheren Zeit konsequenterweise fragend, suchend, erwägend, in einem Zustand des Zögerns, im noch unverbindlichen Schwanken zwischen Ja und Nein, im Unentschiedensein zwischen zwei oder gar mehreren gleichwertigen Möglichkeiten. Sie appliziert Zweifel tiefgreifend auf alles Mögliche: auf Gott, das Dasein, Politik, die Menschen, die Liebe, das Leben und umschreibt in ihren Texten nicht selten einen unbequem prüfenden, ungemein offenen und ungehindert oszillierenden Gemütszustand. Die Tochter einer malenden, schauspielernden Mutter und eines schreibenden Vaters meldet auf ihrem Weg offenbar immense Vorbehalte gegen allzu Allgemeingültiges an. Sie hält Urteile in der Schwebe und lässt in ihren Gedichten immer Ungesagtes und eigentlich Mitgemeintes mit da sein. Zweifel scheinen eine innere Quelle zu sein, aus der die Autorin schöpft. Mehr noch – sie lassen die niedergeschriebenen und vorgetragenen Stücke als Schritte auf einer Suche erscheinen, die sich wohl aus vielschichtiger Lebenserfahrung als auch kritischem Denken speist und womöglich immer weiter gehen will.

Vorliegender Band enthält neben den Texten eine Reihe von Illustrationen, die sowohl Freunde, die verstorbene Mutter als auch die drei Kinder der Autorin beigesteuert haben.

Die gesammte Sammlung ist Marian, dem 1995 verstorbenen Sohn von Christine Kahlau, gewidmet.

© Petra Fischer, Europäische Ethnologin M.A., 2005

 

zurück zu Kommentare